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Wenig Wind, wenig Schlaf, wenig Stimmung

Position MickMoon, Day 10

Sunday, 16.03.2025

1200h UTC-3

12°54,13'N  43°37.46'W

Course 275°, 6kn, 16kn TWS

Etmal: 140 nm


ca.  1153 nm since Cabo Verde 🇨🇻

ca. 1075 nm to go to Martinique 🇲🇶

Es ist die Nacht auf Sonntag, an dem ich diesen Beitrag schreibe. Nachts, in der Wache geht das ganz gut. Da kann ich mich gut konzentrieren und meine Gedanken sortieren. 

Wir gehen in den zehnten Tag der Überfahrt. 10 Tage rastlos in Bewegung. Niemals anhalten. Einfach immer weiter. 10 Tage und 10 Nächte bisher, am Stück. Schiffschaukeln ohne Stop. Leben in Bewegung. 

Aber auch Leben ohne Bewegung. Faul und steif hängen wir im Cockpit oder im Salon. Da gibt es wenig körperliche Anstrengung. Der Hintern tut weh und ist schon platt gesessen. Der Lebensraum ist sehr eng. Viel Abwechslung, um sich irgendwie einmal anders hinzusetzen, gibts leider nicht. So bleibt es eben bei einseitiger Dauerbelastung. 

Weiter ist die Fahrt von Schlafmangel und einem rollenden Boot geprägt. Als Einrumpfboot gerät es in rollende Hin- und Herbewegung um die  Längsachse. „Ein Katamaran mit zwei Rümpfen liegt da bestimmt ruhiger“, diskutieren wir. Dennoch wird er sich auch in den Wellen bewegen. Nur wie? Wir meinen wir müssten es einmal ausprobieren, um ein eindeutiges Bild zum Vergleich zu erhalten.

Oder ein Oxley Segel wäre gut. Damit soll das Boot nicht rollen. Aber 4000-6000 Euro für ein paar Tage weniger Rollen spendieren? Und wenn der Wind stärker weht, kann man es nicht reffen, muss es also einholen. Wer das Kleingeld und den Platz an Bord dafür hat, mag sich damit glücklich schätzen. 


Da Volker seine Seekrankheit nicht völlig loswerden kann, hält er die Bootsbewegung unter Deck nicht lange aus. Selbst in seiner Freiwache in der Koje, kommt er nicht zur Ruhe. Schwindel und schummeriges Bauchgefühl sind latent vorhanden. Der Versuch zu Schlafen wird abgebrochen. Im Cockpit, draußen an der frischen Luft gehts besser. Nur kann man sich dort nicht richtig hinlegen und schlafen. Man würde von der Bank fallen. So gerät unser Wachrhythmus durcheinander und verliert an Regelmäßigkeit. Das einzige was helfen würde, scheinen die Pflaster, die man sich gegen die Seekrankheit hinter das Ohr klebt. Diese sind leider schon aufgebraucht. Bleibt die Hoffnung auf die Gewöhnung. 

Hinzu kommt, dass der Wind stark nachgelassen hat. Wir kommen nicht mehr so schnell voran und die Segel flappen oft nervig am Mast. Und ohne Speed setzt das Bootsschaukeln noch spürbarer ein. In der Nacht kommen wir mit 2,5 bis 3,5 Knoten, gefühlt kaum noch vom Fleck. Das würde zusätzliche Tage auf See bedeuten, wenn es so weiter gehen würde. Mehr als die kalkulierten 18 Tage von Mindelo nach Martinique. Das wollen wir unbedingt vermeiden. Darum sind wir auch vom ursprünglichen direktem Kurs abgewichen und fahren inzwischen 160 Seemeilen weiter südlich, um dort nicht in die größeren Schwachwindfelder zu geraten. Ob es richtig ist? Wissen wir nicht. Unsere Wetterberatung aus Kiel empfiehlt jedenfalls weiter hier unten zu bleiben. Der Passat würde spätestens am 20. März wieder auffrischen. Das wäre erst in fünf Tagen! Also weiter das Boot irgendwie in Bewegung halten. 2,5-4 kn zeigt die Logge an. 

Von unserem Buddyboat, jetzt 150 sm weiter nördlich, erfahren wir, bei unserem täglichen „Funktreffen“‘, dass dort die gleichen Bedingungen wie bei uns herrschen. Wir hoffen  den Vorteil unseres Südkurses am Ende doch ausschöpfen zu können, wenn im Norden ein Flautenloch vor der Karibik stehen bleibt und wir von unten her durchschlüpfen können. Dann kommt unsere Stunde. Aber willst Du die Götter lachen sehen, dann erzähl Ihnen von deinen Plänen!🫣

Um uns Beschäftigung zu verschaffen, wollen wir das große Vorsegel, die Genua, gegen ein buntes Leichtwindsegel, einen Blister tauschen. Ob der genau vor dem Wind gut stehen wird und uns Geschwindigkeitsvorteile verschaffen kann, wollen ausprobieren. Theoretisch dürfte der Schnitt des Segels für diesen Kurs nicht geeignet sein. Dennoch bereiten wir das Setzen des Segels mit viel Gewiggel mit den Leinen vor. Da ruft Volker von vorn, dass wir ein Problem mit der Genuarollanlage haben. Die Schrauben des Halters der Drehmomentstütze sind abgebrochen, das Segel könnte nicht aufgerollt werden. 

Also erst mal reparieren.  

Wir suchen Ersatzmuttern und Scheiben. Splinte zur Sicherung von Bolzen sowie das passende Werkzeug zusammen und schaffen es in einem Eimer nach vorn zum Bug. Ich assistiere die Reparatur aus dem Cockpit mit Fieren und Dichtholen von Leinen und dem Austausch von passenden Muttern, da die ersten nicht nicht die richtige Größe hatten. Volker jongliert auf dem schaukelndem Bug das Werkzeug und das Material. Zusätzlich hält er sich selbst noch fest. Eine Hand für den Mann, eine Hand fürs Boot. Er nimmt die Drehmomentstütze ganz ab und dreht sie um, um sie an zwei anderen Schrauben befestigen zu können. Eine abgebrochene Schraube findet er noch an Deck und bringt sie mit nach achtern. Das Bruchbild zeigt auch hier einen typischen Dauerbruch durch Wechsellasten. Stück für Stück hat sich der Spalt im Bolzen vergrößert, bis er dann nicht mehr genügend Dicke hatte, um das Ganze zu halten und dann final gebrochen ist. Klassiker. Die Reparatur gelingt. Inzwischen ist auch der Wind wieder stärker, dass wir mit der Genua weitersegeln wollen und den Blister wieder einpacken 🙄. 

Wenige Handgriffe, die auf dem schmalen Vorschiff und im Auf und Ab auf dem Bug anstrengend und langsam werden. Was sonst im Hafen eine Sache von 5 Minuten ist, wird hier auf See in Fahrt zu einem richtigen Projekt von einer dreiviertel Stunde. 

Mittags stellen die Starlink Satellitenantenne an, tauschen uns mit der Kia Ora unserem Buddyboat aus und telefonieren und chatten mit Zuhause. Ich entschließe mich jetzt bereits ein Rückflugticket von Martinique nach Hamburg zu buchen, das Andrea von zuhause schon für mich recherchiert hat. Und einen Sitzplatz für XXL Beine gibt es auch noch! Damit steht meine Heimkehr fest und Andrea und ich können uns auf den nun fixierten Termin freuen. Ich vermisse sie sehr! 

Was für ein technischer Fortschritt von der Mitte des Atlantiks aus eine Flugbuchung vornehmen zu können. Und dennoch ist die Nutzung des Systems eines nicht nur dubiosen, sondern offen rechtsextremen Eigentümers überhaupt nicht vertretbar. Es ist ein Dilemma. Nach der Überfahrt wollen wir die Nutzung beenden. Hier auf dem Meer ist es fast alternativlos. In was für eine Abhängigkeit haben wir uns in dieser Welt begeben?


Heute erreichen wir auch eine neue Zeitzone: UTC-3 bedeutet 3 Stunden später als United Time Coordinated, früher Greenwich Meantime (GMT). In unserer Zeitzone liegt São Paulo. Und wir sind mit dem Boot bis hierher gesegelt. Das ist für mich so unwirklich und kaum vorstellbar! Deutschland liegt für uns also jetzt 4 Stunden voraus. Mitteleuropäische Zeit MEZ = UTC+1. 

12h Mittag dort, ist 08h morgens bei uns. 

Wir bringen auch das Radargerät noch zum Laufen. Es war vom Plotter und dem übrigen Navigationsnetzwerk nicht mehr erreichbar. Alle Versuche das Radar wieder einzubinden waren bisher erfolglos. Also haben wir die gesamte Navigationselektronik einmal komplett stromlos geschaltet. Dann wieder ein. Und siehe da, das Radar ist wieder da. Einfach, oder? Hat trotzdem etwas Überwindung gekostet. Was, wenn die Navigation nicht wieder gestartet wäre? Ach, Quatsch. 

Wir brauchen das Radar um Squalls rechtzeitig erkennen zu können. Das sind keine indigenen Ureinwohner weiblichen Geschlechts aus Nordamerika, sondern kleine, garstige Wetterzellen, die plötzlich starke Windböen und Regenschauer bringen. So unerwartet wie sie kommen, sind sie dann auch wieder weg. Da man aber die Segel reffen muss, ist das frühzeitige Erkennen auf dem Radar wichtig. Soweit die Theorie. Näher an der Karibik sollen die Squalls irgendwann auftreten. 


Ach ja, die Welle. Hab ich heute schon davon erzählt? Nein? Heute muss ich auf meine Süsswasserspülung nach der Salzwasser Eimerdusche verzichten. Meine Wasserration wurde benötigt, um die aufgeschlagenen Eier, die in einem Becher für ein Rührei am Herd bereitstanden, aufzuwischen und die Pantry zu säubern 🍳. Es war eben eine blöde Welle, die genau in dem Augenblick zuschlug, als ich den Becher für einen ganz kleinen Augenblick loslassen musste und nicht mehr festgehalten habe. Sie lauern regelrecht auf solche Gelegenheiten 🌊

Moonsailing
Moonsailing


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Kommentare: 2
  • #1

    Maik (Montag, 17 März 2025 07:49)

    Schön, Deine Berichte zu lesen. Ihr habt die Hälfte geschafft und hoffentlich das Bergfest entsprechend gefeiert! Dem Ziel näher zu sein als dem Ausgangshafen hilft ungemein! Fühlt sich gut an, oder?

  • #2

    Jens (Montag, 17 März 2025 17:15)

    Hallo Maik, danke für dein emsiges Lesen der Posts. Ja, die Mitte liegt hinter uns und vor allem bleiben die Wetterausichten stabil. Im ca. 7 Tagen soll es den Landfall geben. �