Position MickMoon:
Monday, 24.03.2025, Day 18
0900h UTC-4 (!)
14°20,7’N , 60º21.01’W
COG 280°, 6,5kn, TWS 18-24kn
Expected Etmal: 140nm
Lot of squalls, crossing seas 3m
ca. 2131 nm since Cabo Verde 🇨🇻
ca. 35 nm to St. Anne, Martinique 🇲🇶
🤗

Sternenklar ist meine letzte Segelnacht auf diesem Törn. Der Mond ist vor einer Stunde aufgegangen. Der Wind hat etwas abgenommen, wir können wieder etwas Ausreffen. Ganz zuverlässig, jeden Tag, jede Nacht bläst der Passatwind von Ost nach West. In der Dämmerung ein wenig schwächer, am Tag und in der Nacht etwas stärker. Direkt von achtern, auf Vorwindkurs segeln wir seit 18 Tagen mit beidseitig ausgestellten Segeln. Was wir auf den Törns im Norden eher vermeiden, weil es ein recht unsicherer Kurs ist, die Gefahr von Patenthalsen in sich birgt und man schräg zum Wind schneller unterwegs ist, ist auf dieser Route perfektioniert mit Spinnakerbäumen, langen dicken Stangen, die die Vorsegel weit nach draußen aufhalten, mit Bullenstandern, Leinen die die Bäume so sicher abspannen, dass sie nicht ungewollt zurück über das Deck fegen können, und bunten Leichtwindsegeln wie Spinnaker, selbstaufstellenden Parasails oder andere Ballonsegel. Viele Entwicklungen und Erfindungen wurden für diesen Vorwindkurs auf der „Barfussroute“ im Passat gemacht. Tradewinds heißen die Passatwinde im Englischen. Weil die Schiffe diese Winde verlässlich für den Handel nutzen konnten, um Waren um den Erdball zu transportieren.
Diese Nacht ist die letzte Segelnacht auf meiner Atlantikreise. Morgen werden wir Martinique erreichen. Es sind keine 70 Seemeilen mehr. Wir haben gestern die Bordzeit auf karibische Zeit umgestellt. UTC-4, 5 Stunden später als in Deutschland. Jetzt um 0400 h schaue ich mir den endlosen Sternenhimmel über mir noch einmal genau an, als wenn ich mir das Punktmuster vor dem dunklen Hintergrund einprägen will. Volker kennt sich mit Astronomie sehr gut aus und hat mir viele Sternenbilder und Zusammenhänge erklären können. Meine Wissensfetzen zu Milchstraße, Galaxien, Sonnen, Planeten, Lichtjahren, Urknall und schwarzen Löchern sortieren und verbinden können. So hab ich nicht nur beim Segeln meine Kenntnisse erweitern können. Wie die früheren Seefahrer die Sterne als Richtungsgeber und Wegweiser genutzt haben will ich mir als Nächstes unbedingt noch aneignen.
Auch in dieser letzten Segelnacht schaukelt und rollt das Boot. Muss ich mich immer abstützen, festklemmen oder mich festhalten, um nicht von der Sitzbank zu rutschen. Permanent und ohne Pause rauschen von achtern riesige Wellen an. Die Wellenberge überragen das Boot, sind hoch und fast über mir. Sie ziehen aber mit lautem Getöse unterm dem Boot durch und versuchen es aus der Bahn zu werfen. Dann hebt sich zuerst das Heck nach oben, die Welle geht unter dem Boot durch und es rollt dann nach Backbord weit zur Seite. So schräg zieht die Welle unter dem Boot nach vorn und lässt langsam den Bug bis in den Himmel steigen, während der Rumpf auf die andere Seite nach Steuerbord zurückrollt und die Masten sich schief nach achtern neigen. Mit heftigem Gegurgel kommt die Welle unter dem Bug hervor und lässt das Boot dann wieder in eine waagerechte Lage pendeln. Gleich danach beginnt das Spiel wieder von vorn.
Aber es ist Routine. Meine ausgleichenden Bewegungen erfolgen automatisch, gehören fast organisch dazu. Die Stellen, die sich im Boot gut zum Abstützen eignen, sind gelernt und werden automatisch genutzt. Um ständig neuen blauen Flecken zu entgehen, bin ich längst selbst Teil der Bootsbewegung geworden.
Viel Vertrauen ist in das Boot inzwischen gewachsen. Auch wenn ich in dunkler Nacht das Wasser und die Welle nicht sehen, nur hören kann, ist das Wissen da, dass sich das Boot immer wieder aufrichtet, kein Wasser ins Boot schwappt und kein Segel oder Spibaum ins Wasser eintauchen wird, wenn die durchlaufende Welle die MickMoon zu arg auf die Seite legt.
Unermüdlich, 24/7 ohne Pause bringt der Autopilot das Boot immer wieder in seine vorgegebene Richtung zurück, auch wenn jede Welle es wieder versucht, die Richtung zu ändern. Die reparierte Steuerung hat seit Mindelo mehr als 2000 nm und weitere 800 nm von Gran Canaria nach Mindelo bis hierher ihren Dienst verrichtet. Mehr als 26 Tage und Nächte lang. 600 Stunden hintereinander. Auch ein Erfolg. Aber auch ein Risiko, das man bei einer solchen Fahrt eingeht. Nach unserer Ankunft werden wir die Steuerung und die übrige Technik gründlich inspizieren.
Jetzt aber sind es noch 62 Seemeilen bis St. Anne auf Martinique. Jetzt will ich den Moment des Landfalls, den Ruf „Land in Sicht“ genießen. In eineinhalb Stunden geht die Sonne auf. Vieleicht kann ich dann schon Bergspitzen von Martinique oder St. Lucia erkennen? Ich bin gespannt.
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Laura (Montag, 24 März 2025 19:57)
Das ist bisher mein Lieblingsbericht! Ihr habt es fast geschafft.
Jens (Mittwoch, 26 März 2025 20:38)
Hallo Laura, das ist ja schön, dass dir der Bericht gefallen hat.
Sicher werde ich noch etwas Zusammenfassendes schreiben.